"Hundsgeschrei" Titus Simon, Leseprobe

Kochertal in Baden-Württemberg.

"Hundsgeschrei" Titus Simon, Leseprobe

Beitragvon jan » So 21. Apr 2013, 10:52

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Der deutsche Jude Jakob Winter, jüngster Sohn einer Fabrikantenfamilie aus Hohenlohe, wird ausgerechnet am 20. April des Jahres 1922 geboren. Zur Zeit der Nazi- Diktatur wächst er heran, sein Leben wie das seiner Familie wird bestimmt von den immer unerträglicher werdenden Schikanen und Demütigungen der örtlichen Repräsentanten des Regimes, aber auch der so genannten »anständigen« Bürger.

Der Roman begleitet Jakob durch die Abgründe der damaligen Zeit, ins Ghetto nach Riga, aus dem er unter abenteuerlichen Umständen fliehen kann, danach in die lettischen Wälder und an Kriegsschauplätze in Italien, Frankreich und Belgien. Mit den US-amerikanischen Truppen kehrt er als Befreier nach Deutschland zurück, findet dort aber keine Heimat mehr. Zerrissen zwischen seiner Herkunft und dem Drang, dem Land der Täter für immer den Rücken zu kehren, kann er sich auch nicht zwischen den beiden Frauen entscheiden, denen er auf seiner Odyssee immer wieder begegnet.

Der Roman erzählt nicht nur von Jakob Winter, sondern auch von der Schaustellerfamilie Schürbel und der Hohenloher Bauernfamilie Lang. Mit großer historischer Genauigkeit wird ein breites Panorama des Lebens in der Region vom Ersten Weltkrieg bis in die Fünfzigerjahre gezeichnet.

Hier ein Auszug:
Die ersten Schulwochen nach der so genannten Machtergreifung verliefen an der Volksschule unspektakulär. Zwar schien das Fräulein Hiller nun deutlicher als zuvor judenfeindlich gestimmt zu sein, aber betroffen davon waren nur die Klassenstufen eins und zwei. Krömer, der in Kürze zum Oberlehrer befördert werden sollte, verabschiedete bei der Zeugnisübergabe alle, die auf die Mittelschule oder das Gymnasium wechselten, mit Handschlag, auch die beiden Juden Winter und Weiß.

Als Gustav Lang, der traurig darüber war, dass Jakob von nun an eine andere Schule besuchte, zu Hause über diesen Handschlag mit der naiven Absicht berichtete, den Umgang mit Juden als etwas völlig Alltägliches darzustellen, das selbst das Parteimitglied Krömer mit Anstand vollzog, rief der Köcherhofbauer, der seit kurzem in seiner neuen Funktion als Ortsbauernführer über einen Fernsprechanschluss verfügte, sofort beim Ortsgruppenleiter an. Was er denn da für ein Subjekt in der Partei habe. Dieses erlaube sich, den Judenlümmeln mit Handschlag zu gratulieren, dass sie jetzt auf die Oberschule durften. Zustände seien das. Die Itzigs gehen immer noch auf die höhere Anstalt und tanzen später wie eh und je dem braven Landmann auf der Nase herum.

Bei nächster Gelegenheit stellte Gauder den Lehrer zur Rede. »Es ist doch ganz im Sinne der Partei, wenn die Juden jetzt die Gemeinde verlassen. Mit dem Wechsel auf höhere Schulen wird doch deren Fortzug beschleunigt«, sagte Krömer und grinste. Da müsse er etwas gewaltig missverstanden haben, schnaubte Gauder. »Der Führer hat mit Sicherheit nicht an derart kleinräumige Lösungen gedacht.«

Mit dem Schulwechsel stellte sich bei Jakob alsbald das Gefühl ein, eine schöne Kindheit sei zu Ende gegangen. Erst die Erfahrungen, die er von nun an auf dem Gymnasium machte, verdeutlichten ihm, wie idyllisch doch die Schulzeit an der örtlichen Volksschule gewesen war. Er hatte von nun an früher aufzustehen, um den Zug nach Schwäbisch Hall zu erreichen oder er musste sein neues Fahrrad benutzen, um die 12 Kilometer bis zur Schule zurückzulegen.

An der Schule herrschte ein völlig anderer Ton. Oberstudienrat Breuninger ließ die Juden, nachdem sie sich als solche zu Schuljahresbeginn bei der namentlichen Vorstellung kenntlich gemacht hatten, allesamt in der letzten Reihe Platz nehmen.
»Ende des letzten Schuljahres haben wir noch ein Auge zugedrückt«, raunzte er. »Aber auch an unserer Anstalt zieht die neue Zeit ein.«

Dabei war Breuninger noch nicht einmal Parteimitglied. Jetzt, da alle, die was auf sich hielten, die was abzusichern gedachten oder noch etwas werden wollten, Anträge auf Mitgliedschaft gestellt hatten, staute sich deren Bearbeitung so weit auf, das Breuninger zu seinem großen Ärger den Schuljahresbeginn noch ohne Parteiabzeichen am Revers seines altmodischen Gehrocks gestalten musste.

Elias, der mittlerweile die Unterprima besuchte, hatte mehr Glück. Sein Klassenlehrer war ein Deutschnationaler reinsten Wassers, der seinen Vater gut kannte und der, wie er sagte, »vulgärer Rassentümelei« kritisch gegenüberstand. So nahm Elias im Schuljahr 1933/34 denselben Platz ein, auf dem er bereits am Ende des letzten Schuljahres gesessen hatte. Zudem war der Anteil der Hitlerjungen, wie der Direktor kurz vor den Sommerferien feststellen musste, »erschreckend gering«. Ja, es waren in diesem Jahrgang sogar deutlich mehr Jazzfreunde als Jungen, die sich auf Anhieb für den HJ-Dienst begeisterten.

Jakobs Problem waren die Schüler der Mittelstufe. Es war schon immer Usus gewesen, dass diejenigen, die nun nicht mehr die Kleinsten waren, den Neuankömmlingen in den Pausen und nach der Schule das Leben schwer machten. Nun, da diese Jahrgänge mit großer Begeisterung zum Jungvolk gestoßen waren, nahmen sie sich bevorzugt die Judenbengel vor, die es immer noch wagten, eine deutsche Oberschule zu besuchen.

Immer häufiger musste er bereits auf dem Weg vom Bahnhof zum Gymnasium Belästigungen ertragen. Einige machten sich einen Spaß daraus, ihn mit Spottversen zu ärgern. Noch harmlos waren Reime wie: »Winter-Jude, dir regnet’s in die Bude.«
Gelegentlich brachte ein ordinärer Bursche frühmorgens Pfandflaschen zum Bahnhofskiosk. Sobald er Jakob erblickte, grölte er: »D’r Seckel vom Itzig, der isch kloi ond spitzig.« Selbst in der Schule konnte Elias nicht immer seinem kleinen Bruder zur Seite springen. Er war zwar in seiner Klasse weiterhin anerkannt, auch weil er besonders gut englische Schlager und Jazztitel zum Besten gab, aber deutsche Jungen gewaltsam davon abzubringen, seinen Bruder zu belästigen, wurde zunehmend riskant, da dies unkalkulierbare Einmischungen anderer nach sich zog.

So machte es sich Jakob nach und nach zur Angewohnheit, nicht mit dem Zug, sondern mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren. So hatte er keinen langen Weg zum Schwäbisch Haller Bahnhof, musste dort nicht warten, wo die Gefahr weiterer unerwünschter Begegnungen lauerte. Erst wenn bei der Heimfahrt in der Ferne der heimische Kirchturm auftauchte, fiel die Beklemmung von ihm ab, die ihn schon morgens nach dem Aufstehen erfasste. Er wurde freier und konnte auch wieder lachen.

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Titus Simon, „Hundesgeschrei“, 544 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-8425-1239-9
2013 im Silberburg Verlag Tübingen erschienen, kartoniert oder als e-Book erhältlich.

Quellen & Verweise:





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