Die Tagfalter im Kochertal

Kochertal in Baden-Württemberg.

Die Tagfalter im Kochertal

Beitragvon jan » Sa 2. Mär 2013, 13:07

Rolf Prosi - ein Reisender in Sachen Tagfalter.

Rolf Prosi durchfährt seit Jahren beruflich die Kochertal-Region. Sein privates Interesse in mancher Mittagspause sind die Tagfalter, unter denen es im Kochertal echte Raritäten gibt. Es gibt auch Spezialisten und Neubürger - die durch kurzfristige Klimaveränderungen irgendwo abtreiben und wo anders sesshaft werden. Es reicht manchmal eine ungemähte und ungedüngte Grasinsel hinter einer Bushaltestelle, um diesen flatterhaften Gesellen eine Lebens- und Fortpflanzungsmöglichkeit zu sein. Ebenso reichen kleine Ereignisse, eine Düngung, eine nachteilige Mahd, oder keine Mahd um einen Standort für eine Art ungeeignet zu machen.

Manche dieser Arten sind eher genügsam und wenig spezifisch. Doch Spezialisten nisten sich in genau einer Pflanzen- oder Strauchart ein oder dressieren Ameisen ihre Raupen und Puppen zu dulden, ggf. noch die Ameiseneier als Nahrung zu spendieren. Solch ein Spezialist ist der Dunkle-Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Ist der große Wiesenknopf, den er als Nahrungsquelle, zur Eiablage und als Erst-Wohnung der Larven braucht, doch recht häufig im Kochertal zu finden - so ist die für die Larve des Dunklen-Ameisenbläuling benötigte Kombination von großem Wiesenknopf und den unterhalb dieser Pflanzen "wirtschaftenden" Ameisen schon um einiges seltener. Aufgrund der Seltenheit dieser benötigten Kombination ist der Dunkle-Wiesenknopf-Ameisenbläuling eine FFH-Art, zu deren Schutz das Land BW sich gegenüber der EU verpflichtet hat.

Ein weiterer Spezialist ist der Schwalbenschwanz. Er sucht zur Fortpflanzung unbewaldetete Höhen mit steinigen Inseln. Dieses Verhalten nennt man „Hilltopping“ auf deutsch Gipfelbalz, nicht unbedingt steinig, der höchste Punkt in der Gegend reicht. Kennt man den Lebenszyklus und die Neigungen dieser Falter - so kann der kundige Naturbeobachter abschätzen, welcher Tagfalter, wann, wo, wie anzutreffen und zu finden sind.

Oft sind zur eindeutigen Artenbestimmung die Zeichnungen der Flügelober- oder Unterseiten notwendig. Beschränkt man sich auf beobachten und fotografieren, sind diese Merkmale oft nur schwierig und langwierig auszumachen. Manchmal sind kleine Punkte oder Abweichungen von gedachten, geraden Linien zwischen den Punkten die artbestimmenden Merkmale der Falter. Bleiben Zweifel - so wartet man halt ein wenig, Stunden, Tage oder Wochen... bis zur Eiablage - spätestens dabei verraten einige Arten dann ihre Herkunft. Entscheidend ist dann oft die Raupennahrungspflanze, oder legt die Falterdame die Eier am Strauchzweig aufwärts oder abwärts? Welche Abstände oder sonstige Diversitäten gibt es bei der Eiablage? Wie verhält sich die Larve, die Puppe oder die Raupe? Spätestens dann, weiß Herr Prosi woran er ist und hält den Augenblick mit der größten möglichen Tiefenschärfe im Bild fest.

Doch damit nicht genug, selbst nach diesen Spezialisten gibt es noch Steigerungen - es folgen nun die Exoten! Das Wort Exote ist im Wortsinn zwar nicht ganz falsch, doch der Experte spricht hier lieber von einem Wanderfalter, denn der Distelfalter ist ja heimisch im Kochertal. Der Distelfalter durchfliegt das Kochertal jährlich, man kannte ihn immer, nur seine weitschweifenden Unternehmungen waren lange nicht bekannt. Mit diesem Langstreckenflieger haben sich die Experten ein wenig schwer getan. Jährlich startet diese Art in Westafrika zu einer kurzen Sommerfrische in Finnland. In hinterhältiger Weise tarnen sich diese Exoten, in dem sie ihren Flug von ca. 15.000km in verschiedenen Generationen durchführen. Listigerweise machen diese Falter ihren Flug von Afrika nach Finnland in 5 Generationen und den Rückflug in 2 Generationen - jährlich! Also nichts ungewöhnliches, nur ein kleiner Staffellauf von Afrika nach Finnland und zurück. Der Ururopa ein Afrikaner, die Uroma eine Agypterin, der Großvater eine Schwabe, die Oma eine Dänin und der Vater ein Finne, ... und dann ein kurzes Techtelmechtel und das ganze in zwei Generationen rückwärts bis nach Afrika. Und dieses Hin und Her findet und fotografiert Herr Prosi dann im Rot- und Kochertal ... wie bereits gesagt, mit Tiefenschärfe!

Das die Vielfalt der Region, die Grundlage dieses regen Treibens ist, mag man im ersten Moment übersehen. Eine Vielfalt, deren Grundlagen recht einfache Umstände sind. Diese Umstände sind so einfach - das Mensch da eher stört. Ein wenig Straße, ein kleines Gewerbegebiet, ein paar Häuser, vielleicht noch ein kleiner Golfplatz, ein gedüngter Acker, ein vom Menschen trockengelegte Feuchtwiese, eine verfüllte und bebaute Bachaue ... recht simple Ereignisse beenden diese Vielfalt, meist nachhaltig und dauerhaft. Die natürliche Vielfalt der Kochertalregion kann man auch als Nachteil sehen - wurde gesagt. Natur, wie sie in unserer Region überdauert hat, ist in andern Regionen ein Wiederherstellungsprojekt. Ist viel Natur vorhanden, so verhalt der Ruf nach Naturschutz und Naturerhaltung oft. Es gibt auch so etwas wie eine Gleichgültigkeitsstrategie - die Natur wird's schon richten, in zwei Jahren ist alles wieder grün, ist ein oft gehörtes Argument!

Das Blutströpfchen an Blumen und Sträuchern hängen haben Sie bestimmt gewusst. Blutströpfchen gehören zu den Nachtfaltern - aber Herr Prosi nimmt auch diese Bilder am Tag gerne mit. Diese Blutströpfchen gliedern sich in unserer Region dann wieder in fünf Arten - da muss man dann wieder suchen ob auf dem Flügel fünf, sechs oder Flecken in Streifenform sind - oder ob diese Flecken weiße Ränder haben. Ist der Name Blutströpfchen wegen der roten Punkte auch für einen einfach gestrickten Menschen wie mich, wegen der roten Farbe noch zu merken, erschwert die Lage sich sofort als uns erklärt wird, dass es diese Zeitgenossen auch in einer zarten, grünen Ausführung gibt.

Und so kann man Rolf Prosi locker eine Stunde zuhören um dann bei den allseits bekannten Gartenfaltern zu landen die jeder kennt. Der Admiral, das Pfauenauge, der Aurorafalter, der Kohlweißling oder der Zitronenfalter. Der Zitronenfalter eröffnet das Jahr der Falter in unserer Region kurz nach dem letzten Frost - und bestimmt haben Sie schon gesehen, wie ein Zitronenfalter ein am Strauch hängendes Blatt, täuschend echt aussehend, imitieren kann?

Die Vielfalt der Kochertal-Region, die oftmals sehr klein strukturierte landschaftliche Gliederung, die seltenen Magerwiesen, Feuchtwiesen, manchmal nur eine Wegkreuzung im Wald - diese Spezialisten finden was sie brauchen... und nur dort können sie leben oder sein. Die Wach in Gaildorf, die Auchthalde in Fichtenberg, eine Wacholderheide bei Heidenheim, der Ipf im Ostabkreis... Entfallen diese oft nur sehr kleinen Highlights der Naturlandschaften - dann entfällt das Auftreten bestimmter Arten in der Region. Ein Landschaftserhaltungsverband unterstützt im Landkreis den Erhalt wertiger Naturflächen. Der NABU begleitet diese Aktivitäten und betreut eigene Gebiete, die zum Teil auch im Besitz des NABU sind.

Das NABU-Jahr hat auch dieses Jahr wieder mit der Wasservogelzählung begonnen. Gänsesäger, Silberreiher, Graureiher, Wasseramsel, Eisvogel und Stockenten sind zu nennen.

Früher in der Region nicht so bekannte Pilze werden von speziellen Naturkundlern im Kreis gefunden. Papageiensaftling und Satanspilz sind als Besonderheit auf den vom NABU gepflegten Magerwiesen zu nennen.

Kiebitz!!! Im Landkreis SHA ein Reizwort. So betrug der bundesweite Bestand des Kiebitz um 1999 nur noch sechzig Prozent des Bestandes von 1975. Und es ist wohl nicht davon auszugehen, dass in den letzten 14 Jahren der Kiebitzbestand zugenommen hat. Waren vor dreißig Jahren ca. 20 - 30 Kiebitzbrutgebiete im Landkreis SHA bekannt... so geht es jetzt um den letzten oder vorletzten Brutstandort im Landkreis.

Es ist sehr schade - doch im letzten Brutgebiet im Landkreis SHA bei Gaildorf will der Kiebitz einfach nicht abtreten. Nachdem man den Kiebitz im Landkreis SHA zu den aussterbenden Arten zählen darf - scheinen einige Individuen in Gaildorf das nicht wissen zu wollen. Der Kiebitz taucht kurz nach dem letzten Frost auf, er braucht für seine Bodenbrut den feuchten, braunen Acker, der früher überreichlich und kostenlos in den Kocherauen gab. Es ist kein Zufall - der Kiebitz braucht genau den feuchten nicht befahrbahren Acker - den der Landwirt nicht braucht. Was glauben Sie wohl, wer da gewinnt? Ist die feuchte Wiese, der feuchte Acker weg, so war es das für den Kiebitz. Die alten Auen sind drainiert, der Kocher und die Rot wurden von fleißigen Amtsinhabern begradigt, kanalisiert und vertieft. Der Kocher fließt heute 1,5 - 2,5m tiefer als vor 80 Jahren. Die Jungen dieser Spezialisten sind Nestflüchter, was die geringen Chancen einer Brut zwar prinzipiell erhöht. Die prinzipiell vorhandene Chance der Nestflüchter das Tageslicht zu erblicken, kann aber durch jede Egge, einen Schlepper, eine zu frühe Düngung, eine Katze, ein Habicht, ein frei laufender Hund oder nur durch einen Spaziergänger (unbemerkt!) vertan sein. Für den Hund ein Auslauf, für die Katze ein kleines Häppchen - für den Kiebitz war es das für dieses Jahr! Der Gaildorfer NABU ist stolz darauf, einen Restacker zu kennen - der evt. 10 - 20 Brutpaare tragen kann... Die Umstände vielleicht 6 - 12 Jungvögel jährlich noch zulassen. In manchen Feuchtgebieten der Region waren noch vor 50 Jahren 100, 300 - oder mehr Brutpaare nicht unüblich. In der Hauptversammlung wurde erwähnt mit welchem Managementaufwand und mit welchem persönlichen Einsatz einiger Mitglieder, der Verein versucht 2,4,vielleicht 8 dieser Nestflüchter zu einem Leben auf diesem Planeten zu verhelfen.

Eine Umgehungsstraße, eine falsche Hochwasserschutzplanung, ein geplantes Gewerbegebiet, ein Güllefaß, eine Egge und das war's für den letzten Brutplatz des kleinen Kiebitz im Landreis SHA. Zu bemerken ist auch, dass oftmals durch fehlendes Fachwissen Natur unbemerkt geschmälert wird. Manchmal ein überschaubarer Aufwand geeignet wäre, die natürlichen Umstände zu fördern oder zu erhalten. Es ist halt auch viel einfacher eine Flutmulde auf unnatürliche Naturstromspeicher ohne Naturstrom aus zu richten als auf den Kiebitz. Das man durch die Falschdeklaration ... ich weiß gar nicht wie ich es nennen darf... also die Tarnung eines Speichersees als pervertierte Flutmulde weitere Natur gefährden und schmälern wird, darf man gar nicht so laut sagen - den das könnte eine Klüngelei gefährden, was im Landkreis gefährlich sein kann. Das man diese Klüngelei dann noch als Aufwertung für Flora und Fauna unserer Region handeln möchte - zeigt wo man ist. Nichts als Schwabenstreiche - obwohl wir uns mehr dem fränkischen als dem schwäbischen Erbe zurechnen müssten.

Die Windkraft, ein Naturstromspeicher ... oder eher die wie eine Plage in unserer Landschaft nun auftauchenden Investitionsprojekte, wurden angesprochen. Beachtlich wurde genannt, wie leicht solche Projekte wertige Landschaften einfach überziehen und verändern können. Es reichen die richtigen Projektpartner, oder die Vermutung das Arbeitsplätze entstehen könnten, schon geht alles... sofort darf die Natur und der Naturschutz zurücktreten. Flächenverbrauch, Wegenetze und deren Ausbau, Windkraftanlagen höher als der Stuttgarter Sendeturm, Schwerlaststraßen im Limpurger Wald, wenn nur vor wenigen Jahren jemand gesagt hätte wir werden den Wald bei Michelbach, Winzenweiler oder bei Gaildorf durch solche Projekte zerstückeln, man hätte den schlicht ausgelacht. Nun geht scheinbar alles... Hauptsache man schreibt oben auf dem Aktendeckel WINDKRAFTANLAGE oder NATURSTROMSPEICHER. (Es reicht ein Begriff, ein Wort das nirgendwo spezifiziert ist, ein Begriff wie Gummi, den ein künftiger Betreiber zu jeder Zeit dehnen oder drücken kann wohin er möchte... und wenn der nicht weiter weiß, so braucht der nur zu sagen - Produktentwicklung..., achso - da sind Sie auch dagegen? ... schon geht es für den weiter... und für Natur und Kiebitz rückwärts. Wieviel Naturstrom ist den in den Wasserspeichern oder im Speicherbecken drin? Oder ist Natur bei Naturstromspeicher gar nicht drin? Also eine schöner Name für das Projekt und ein IRGEND-EIN-STROM-SPEICHER gebaut... Das ist dann Demokratie - weil Gaildorfer Bürger abgestimmt haben?)

Als erfreulich und recht verspätet wurde der Antrag der Stadtverwaltung Gaildorf genannt, dem Verein Naturpark Schwäbisch-Fränkischer-Wald bei zu treten. Das kann evt. lustig wenn der Naturpark nun zurückfragt, ob Gaildorf mit zusammenhängenden, natürlichen Waldgebieten oder künftig leerstehende Wassertürmen mit 70m langen, herabgebrochenen Segelflügeln in die Partnerschaft einsteigen möcht? Ob Gaildorf mit einer funktionierenden Flutmulde, oder einem unangebrachten Speichersee - oder mit naturnahen Fließgewässern mit Namen Kocher und Rot in die Partnerschaft eintreten möchte? Aber evt. sind das ja auch alles keine relevanten Fragen - wo sind den die Standards eines Naturparks schon festgeschrieben? Obwohl, der Naturpark könnte aus seinen Statuten heraus die Stadt Gaildorf nun fragen, ob sie den Antrag nun mit oder ohne Kiebitz stellt? Soviel Kiebitz und naturnahe Fließgwässer wie der Kocher, wird es im SFW nicht geben. Also eine echte Bereicherung und Herausforderung für den Naturpark SFW, das Erbe zu entwickeln und den daraus resultierenden Aufgabenstellungen zu entsprechen.

Eigentlich wollte man letzte Woche schon mit den Krötenschutzzäunen beginnen - den mit den Amphibien ist nach dem Frost bald zu rechnen. Zwischen Hausen und Fichtenberg, in der Nähe der alten Schanzbrücke sind die Kröten wieder im Zunehmen. Helfer zum Aufbau und Einsammeln werden dringend gesucht. Da können Sie die Natur und deren Schutz dann hautnah erleben. Oder mit dem Eimer in der Hand in den Graben springen, wenn ein KFZ-Lenker nicht weiß was 30km/h oder 18:00Uhr sind, oder man Sie auslacht und Ihnen dann noch der Vogel gezeigt wird.

Der Kassenstand ist bekannt, der Kassier und der Vorstand sind entlastet.

D' V'reinsch-Homepätsch hackelt grad' ä'weng.

Die Hauptversammlung war dann auch bald zu Ende.


Quellen und Verweise:
NABU Gaildorf, HV 01.03.2013. Fachbeitrag, Lichtbildvortrag: Rolf.Prosi[at]web.de






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