Besuch im Salzbergwerk Wilhelmsglück

Kochertal in Baden-Württemberg.

Besuch im Salzbergwerk Wilhelmsglück

Beitragvon jan » Mi 18. Jan 2012, 22:03

Besuch im Salzbergwerk Wilhelmsglück - Lesestück aus einem Lesebuch von 1874

Das Salzbergwerk Wilhelmsglück
Mitten in der Stadt Hall nahe am Kocher, befindet sich der uralte Salzbrunnen, durch welchen einst das Land weit umher mit dem unentbehrlichsten Gewürz versehen wurde. Die Sole aber, welche aus dem Brunnen quillt, enthält nur 3 Theile Salz bei 97 Theilen Wasser. Es war ein sehr umständliches und kostspieliges Geschäft, Satz daraus zu sieden. Daher musste man darauf denken, stärkere Sole zu erhalten. Wenn man süßes Wasser in Menge auf ein Salzlager selbst leitet, so kann sich das Wasser nach Lust mit Salz sättigen. Eine Sole, welche 28 % Salz enthält, heißt gesättigt, und aus ihr lässt sich viel leichter und schneller reichlich Kochsalz gewinnen. Unter König Wilhelm wurden denn auch vom Jahr 1818 an, verschiedene Bohrversuche auf Steinsalz unter- und oberhalb der Stadt Hall angestellt. Aber erst 1822 wollte es König Wilhelms Glück, dass anderthalb Stunden oberhalb der Stadt, in einer Tiefe von 95 m ein fast 10 m mächtiges Steinsalzlager angebohrt wurde. Da war große Freude im Lande, und in bester Hoffnung ging man alsbald daran, unsern vom glücklichen Bohrloche, etwa 14 rn über dem Kocherflusse, einen Schacht abzuteufen, nach dessen Vollendung im Jahre 1824 den in der Tiefe lagernde Schatz gehoben werden konnte. Seitdem ist Wilhelmsglück ein großes, weit unter der Erde sich verzweigendes Bergwerk geworden. Ein Besuch desselben wird uns nicht reuen.

Kleine Gebühr für die Hilfskasse
Zuerst müssen wir aber bei dem Herrn Inspektor um Erlaubnis zum ,,Einfahren" bitten und eine kleine Gebühr in die Hilfskasse für kranke und alte Bergleute legen. Dann führt uns ein Bergmann in das Schachthaus und lässt uns den 104 m tiefen, etwa 3,7 m weiten und 1,4 m breiten „Förderungsschacht" sehen, durch welchen das Steinsalz heraufgezogen und die Sole heraufgepumpt wird. Nachdem wir einen Blick in die grause, dunkle Tiefe geworfen, gehen wir weiter an der Steinsalzmühle vorbei zu dem Treppenschacht, durch welchen man jetzt bequemer in das Bergwerk niedersteigen kann als früher durch die senkrechten Leitern im Schachte Der Treppenschacht ist im Mai 1844 begonnen und am 27.Sept. 1845 feierlich eröffnet worden 195 m lang geht er fast 2 m breit und 2,5 m hoch in einer solchen Neigung hinab, dass am 27.Sept. Vormittags, am Geburtstage des Königs Wilhelm, und am entsprechenden Tage im März, der Sonnenstrahl eine Zeitlang gerade auf das Steinsalzlager in der Tiefe scheint. Am Eingang erhält jeder Besucher eine Bergmannslampe, und mit einem „Glück auf!" des Führers beginnt die Einfahrt.

Auf einem Brettchen in die Tiefe
Während wir die 675 hölzernen Treppen hinabsteigen, rutscht neben uns der Bergmann bequemer, aber auch gefährlicher auf einem Brettchen über die Balkenrutsche hinunter, indem er sich rechts und links an Stangen hält. Beim Hinabsteigen können wir auch deutlich die verschiedenen Gebirgsarten bemerken, durch welche der Treppenschacht getrieben wurde Zuerst geht er 84 m tief durch Muschelkalk, dann 57 m durch Mergel, hierauf kommt 40 m dick Thon und Gips und zuletzt der 10 m mächtige Salzfelsen. Bald sind wir in der Tiefe, unsere Lampen gewähren nur spärliches Licht, und lautlos folgen wir dem Führer in diese unbekannte Welt, in welcher uns warme, von Salztheilchen erfüllte Luft umfängt. Zuvörderst nimmt uns eine große Rotunde auf, um welche oben rings eine durchbrochene Gallerie läuft alles in Steinsalz gehauen.

Über das Ausmaß der Anlage gibt dieses zeitgenössische Bild vom »Königlichen Satzwerk Wilhelms glück, mir den vier Bohrlöchern bei der Neumühle Auskunft, da~ sich im Stadtarchiv von Schwäbisch Hall befindet. Das Bild zeigt die Sicht ,von der Morgenseite" - also von Osten her

Jetzt gehen wir lange Zeit in südwestlicher Richtung, bis der Führer in eine ,,Hauptstrecke" einbiegt, welche 4 m breit und 82 m lang-, sich schnurgerade hinzieht und die Herrlichkeit des Baues in vollem Maße schauen lässt. Von 4 zu 4 m stehen rechts und links an der Straße gewaltige, allweg 4 m breite Salzsteinpfeiler, zwischen welchen sich nach beiden Seiten hin ähnliche Gänge in die Quere erstrecken, während in gleicher Längenrichtung mit unserer Hauptstraße über 60 solche Salzstraßen sich hinziehen, theils schon ganz abgebaut theils noch im Betrieb befindlich. Die Salzpfeiler bleiben stehen, um das ungeheure Steindach zu tragen, das sich über dieser unterirdischen Salzstadt wölbt. Wohin wir blicken, wohin wir gehen, nichts als Salz und Salz, aber allerdings nicht weiß sondern grau und matt glänzend, weil mit Thon gemischt und durch Pulverdampf geschwärzt. Nur hin und wieder stößt der Bergmann auf Nester reinen, durchsichtigen Kristallsalzes, von welchem wir uns ein Stückchen zum Andenken ausbitten dürfen, wenn wir das Bergwerk wieder verlassen.

Beim Schilling brennt's!
Schweigend und staunend schreiten wir durch die Strecke dahin. Siehe, da steht ein gewaltiger Obelisk, aus einem Salzpfeiler gehauen und von vier Säulen, den Ecken des Pfeilers, umgeben. Aus einer Seitenstraße aber schimmern uns schwache Lichter entgegen und hie und da vernehmen wir ein Rollen wie von fernem Donner: Was mag das sein? Wir gehen auf die Lichter in und kommen bald einem Bergmann, der beim Schein des Grubenlichtes mit eisernem Schlegel und kiefliel am Salzfelsen ein Sprengloch einarbeitet. Mit einem "Glück auf!" - das er freundlich erwidert, gehen wir an ihm vorüber und treten zu einem andern Bergmann, der mit einer Bohrmaschine schneller seine Arbeit fertig haben wird. Während wir ihm zusehen, ertönt der Ruf: Beim Schilling brennt's! Da heißt der Führer uns stille stehen. Der Bergmann Schilling hat nämlich sein Sprengloch mit Pulver oder auch bloß mit brennbarem Salpeter gefüllt und den dazu führenden Schwefelfaden angezündet. Jetzt warnte er vorschriftsmäßig durch seinen Ruf, damit niemand dem gefährlichen Orte sich nahe. Nicht lange steht es an, so hören wir einen Knall wie von einer Kanone und lange rollt der Donner in den Gängen dahin.

Der Führer sagt: Nun wollen wir hingehen und sehen ob der Mann glücklich gewesen ist. Eben als wir in die Nähe kommen tritt derselbe hinter einem Pfeiler hervor, hinter welchem er sich geschützt hatte. "Glück auf!" ruft er freudig, und "Glück auf!" rufen wir ihm zu beim Anblick der gewaltigen Stücke, welche vom Salzfelsen losgesprengt und ringsherum geworfen sind. Diese Salzstücke werden sodann auf den Hund, - d.h. einen niedern, vierräderigen Kastenwagen geladen und auf eisernen Schienen weitergeschafft. Die besseren Stücke kommen durch den Förderungsschacht hinauf in die Steinsalzmühle, wo sie zu Vieh- und flungsalz gemahlen werden. Die unreineren, mehr Gips enthaltenden Stücke werden in große viereckige, in den untern Gipsfelsen gehauene Gruben geworfen und durch eingelassenes süßes Wasser aufgelöst. Die gesättigte Sole wird darnach durch die Wasserkraft der Mühle hinaufgepumpt, in Röhren nach Hall geleitet und in den dortigen Siedhäusern zu Kochsalz versotten.

Eine Kirche im Salz

Nachdem wir das Wegräumen und Abführen der Salzstücke mit angesehen, kehren wir auf unserer Hauptstrecke zurück. Am Ende derselben steigen wir auf einer Treppe in das obere Stockwerk, wo der Abbau des Salzfelsens erst 2 m von der Decke herab geschehen ist. Hier oben wandern wir einige Zeit fort, bis der Führer auf eine abwärts führende Treppe hinunterleuchtet. Er geht voran; wir steigen tief abwärts in eine der 6 - großen Höhlungen, welche dadurch entstanden sind, das man im Anfang einfach süßes Wasser auf das Steinsalzlager selber leitete, um durch Auflösung desselben gesättigte Sole zu gewinnen. Da stehen wir in einem mächtigen Gewölbe, welches 24 m breit und 48 m lang gleich einer ansehnlichen Kirche, - Hunderte von Menschen lassen kann. "Die Kirche" nennt man es auch; denn gegenüber der Treppe steht ein Altar mit Kreuz aus Salzstein gehauen, und von der Mitte der Wölbung hängt ein Kronleuchter herab, bei dessen hellem Schein erstmals bei Eröffnung des Treppenschachtes ein feierlicher Gottesdienst gehalten worden ist. Wenn ringsum die Lichter glänzen und der Ton der Posaunen erschallt oder ein Choral angestimmt wird, so wird das Gemüth mit überwältigender Macht ergriffen, und im innersten Herzen hallt das Psalmwort wider; Aus der Tiefe rufe ich zu dir, 0 Gott. Wie herrlich sind deine Werke! Wer ihrer achtet, hat eitel Lust daran.

675 Stufen bis ans Tageslicht
Auf derselben Treppe, die wir herabgestieg6n sind in die Halle, kehren wir zurück, und nach kurzem Gang gelangen wir zu der Straße, welche uns an den Förderungsschacht führt. Hier betrachten wir den von der Mühte getriebenen Aufzug der schwer beladenen viereckigen Salztonnen sowie die Gruben, in welchen der Salzstein aufgelöst wird, und die Pumpen, welche ächzend und knarrend die Sole zu Tage fördern. Dann geht es in die Rotunde und an den Fuß des Treppenschachtes zurück.

Da schimmert das Tageslicht wie ein Sternlein durch die Luftöffnung in der Türe des Schachtes zu uns herab. Eiligen Laufes möchten junge Füße zu ihm aufwärts steigen. Aber Eile mit Weile sagt der Führer, sonst zittern dir bald die Knie. Wir brauchen wohl 12 Minuten, bis wir diese 675 Stufen erstiegen haben. Endlich sind wir oben. Die Thüre öffnet sich, und im Glanze der Sonne liegt vor uns das liebliche Kocherthal mit seinen grünen Wiesen und Büschen am Ufer des Flusses und am Rande der Felsen. Jeder fühlt es: drunten ist's wundervoll, aber hier oben ist's doch noch schönen



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