Rötenbach, die Sägmühle vom Gschwendhof

Kochertal in Baden-Württemberg.

Rötenbach, die Sägmühle vom Gschwendhof

Beitragvon jan » Mi 18. Jan 2012, 19:53

2008 von Georg Wahl zur Jahresabschlussfeier des Fischereiverein Untergröningen vorgetragen:

Rötenbach, die Sägmühle vom Gschwendhof

Rötenbach aufwärts, nach der Kohlbruckhütte, wo das Tal wieder enger wird, befindet sich auf der anderen Seite des Baches ein Dickicht aus jungen Fichten und Tannen. Nur noch wenige Leute wissen, dass dort vor langer Zeit eine Sägemühle stand. Das einzige, was man jetzt noch davon sieht, ist der Verlauf des einstigen Mühlkanals. Man kann den hinter dem Dickicht als Graben im Waldboden deutlich erkennen.

Was ich zunächst über diese Sägemühle erfuhr, war lediglich ihr genauer Standort und, dass sie zum Gschwendhof gehörte. wen ich auch fragte, niemand konnte mir mehr erzählen. Da kam mir der Gedanke, mich an den David Riek aus Wegstetten zu wenden. Der ist schon 88 Jahre alt und bekannt dafür, dass er noch viele alte Überlieferungen kennt. “Freile, woeß i des no,“ bekam ich zur Antwort, “mei Vater hot ja von dera Miele gschtammt. Do he mir als Kender no dren Fangerles gschpielt, wo se scho am Zammafalla gwä isch. Dui Sägmiele hot zom Gschwendhof ghärt ond isch emmer verpachtat worra an Leit, wo halt oe Kua ghet hend, wo gsägt ond neba­her a Giatle omdrieba hend.“ So erzählte mir der David weiter. Ich hatte also den Richtigen gefragt.

Davids Großvater war einer der letzten Pächter dieser Sägmühle gewesen. Wie seine Vorgänger hatte auch er dort sein Glück versucht, doch die Sägmühle warf keinen großen Gewinn ab. Der Bach führte nicht immer genug Wasser, um das Mühlrad anzutreiben. Deshalb stand die Säge oft still, und das geringe Einkommen reichte manchmal gerade für den Pachtzins. “Do hot mr jeda Glägaheit nutza miaßa, wenn dr Baach grad mea Wasser ghet hot.“, berichtete der David aus den Erzählungen seines Vaters. „Do isch mr midda en dr Naacht aufgschtanda ond hot gsägt, wenn grad a rechts Wädder ra isch.“

In dieser Sägmühle hatten mehrere Pächter ein armseliges Dasein geführt, doch einen davon hatte das Schicksal besonders hart getroffen. Mich schauderte es, als mir der David diese tragische Geschichte erzählte. Als das Unglück geschah, war der damalige Sägmüller gerade auf dem Feld oder ging einer anderen Arbeit nach. Schließlich konnte er nicht immer zu Hause sitzen und warten, bis der Bach genug Wasser führte. Seine Frau, die ohnehin zu Hause war- und den Haushalt, die Kinder und das Vieh versorgte, kümmerte sich auch um die Sägmühle, wenn es nötig war. Kam nach einem Regen genug Wasser den Bach herunter, dann ließ die Sägmüllerin alles liegen und stehen und machte sich in der Sägmühle an die Arbeit. Das Wasser hatte nicht genug Kraft, das schwere Mühlrad in Gang zu setzen, deshalb musste man nachhelfen. Von der Stube aus ging eine Tür direkt in die Sägmühle, und so war die Frau mit wenigen Schritten beim Mühlrad. Kräftig trat sie mit einem Fuß auf eine der Schaufeln, und das große Rad begann, sich langsam und ächzend zu drehen. Hatte es genug Schwung, dann reichte die Wasserkraft aus, es weiter im Kreis zu treiben.

Schon oft hatte die Sägmüllerin das Rad angetreten und sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste. Doch diesmal sollte eine kleine Unachtsamkeit der armen Frau das Leben kosten. Sie war wohl nicht schnell genug zurückgetreten, ihr langer Rock verfing sich an einer Schaufel, und das schwere Mühlrad riss die Frau mit. Bei jeder Umdrehung wurde ihr Körper mit voller Wucht an die Wandung geschleudert, und der Bach färbte sich rot von ihrem Blut.

Der David war erstaunt, dass ich diese Geschichte nicht kannte, von der nach seiner Meinung der Rötenbach den Namen hat, und er sagte verwundert: “Ja, was hosch denn du denkt, worom der Baach weiter henda ‘Hohlenbach‘ hoeßt ond weiter vorna ‘Rötenbach‘? Bis firre zorn Kocher isch sella Dag der Baach roat gwä...“

Quelle: Diese Geschichte wurde 2008 von Georg Wahl zur Jahresabschlussfeier des
Fischereiverein Untergröningen vorgetragen. Georg Wahl ist ehemaliger Vorsitzender
Fischereiverein Untergrönigen. Mehrere Tischnachbarn sagten mir, dass diese Geschichte keine
Legende oder ein Märchen ist, die Geschichte soll so gewesen sein.


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