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Die Jagst

BeitragVerfasst: Mo 15. Aug 2016, 12:32
von jan
Ob sich schon die alten Kelten vom Liebreiz der Jagst betören ließen, erscheint zweifelhaft. Denn sonst hätten unsere Vorfahren dem Fluss in ihrem wilden Wald-Land, wo sich noch Bären und Wölfe zuhauf tummelten und der Fischadler im Jahr 1849 ausgerottet wurde, wohl einen anderen Namen verpasst.

„Jeg“ nannte das bis heute rätselhafte, weil fast spurlos im Nebel der Geschichte verschwundene Volk diesen Strom, was sich mit „eisig“ oder „kalt“ übersetzen lässt.

Hartnäckig hält sich übrigens bis heute das auch von Heimatkunde-Lehrern generationenlang verbreitete Märchen, wonach sich der Name mit „Jagende“ übersetzen lässt – was dem Charakter des gemächlichen Flusses völlig widerspricht, denn nur in Hochwasser-Zeiten legt die Jagst einen (ehr)furchterregenden Zahn zu beim Tempo.

Ansonsten fließt der Nationalfluss der Zentralhohenloher in ruhigen, friedlichen Bahnen. Die Quelle bei Walxheim im Ostalbkreis liegt 519 Meter über dem Meer, an der Mündung bei Jagstfeld im Kreis Heilbronn erreicht die Jagst nach 190,2 Kilometern noch eine Höhe von 144 Meter über Normalnull. Mit einem Gefälle von 1,9 Metern pro Kilometer zählt das Gewässer also nicht gerade zu den „Sprintern“.

Auf jeden Fall ist „die“ Jagst eine „Sie“, die absolut nicht mit ihren Reizen geizt. Völlig ungeschminkt und gänzlich unverhüllt zeigen sich die schönen Kurven, mit denen Mutter Erde die Jagst schon vor Jahrmillionen ausgestattet hat, auf dem Flussabschnitt zwischen Jagstzell und Stimpfach, nachdem sich der Fluss durch die Keuperschichten im Virngrund der Ellwanger Berge hindurchgenagt hat.

Aus purer Freude über die neuen Freiheiten im Flussbett, so scheint’s, beginnt hier die Jagst mit neckischen Wasserspielen: In dem weiten Tal schlängelt sich der Fluss auf engstem Raum über zahllose Auen-Mäander gen Crailsheim – ein urtümliches Paradies für Tiere am Ufer, Fische im Wasser und vor allem für seltene Pflanzen, die hier noch eine letzte Heimstatt gefunden haben, bevor sie vollends auf der „Rote Liste“ landen.

Der kurvige Kurs in den Auen war noch vor Jahrzehnten keine Seltenheit im Oberlauf der Jagst. Brachiale Begradigungen in den 60er- und 70er-Jahren verwandelten die Jagst zum Beispiel bei Schwabsberg und Schrezheim im Ostalbkreis allerdings in eine nichtssagende, schnurstracks wie mit dem Lineal gezogene Wasser-Wanne.

Auch die ausgeprägten Mäander bei Ellwangen-Rainau verschwanden in den 80er-Jahren beim Bau des dortigen Stausees spurlos. Seinerzeit „fruchteten die Einwendungen seitens des Naturschutzes wenig“, wie Hans Mattern (gebürtiger Crailsheimer des Jahrgangs 1932 und als früherer Leiter der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege der wohl beste Kenner der Jagst und ihrer Naturschätze) im ersten Band („Das obere Jagsttal – Von der Quelle bis Crailsheim“) seiner wunderbaren Jagst-Trilogie schreibt.

Ihrer ausgeprägten Neigung zu Mäandern bleibt die Jagst auch treu, nachdem sie auf Höhe der Heldenmühle bei Satteldorf den hartleibigen Muschelkalk erreicht hat. Ab hier spielt sich der windungsreiche Flussverlauf freilich in weitaus mächtigeren Dimensionen ab.

So schlängelt sich die Jagst 16 Kilometer auf einem Streckenabschnitt dahin, der in der Luftlinie nur acht Kilometer beträgt. Noch weitaus eindrucksvoller sind die bis heute sichtbaren Zeugen des Kampfes zwischen Wasser und Fels am Baierlesstein bei Erkenbrechtshausen und vor allem am Bärenstein bei Bölgental, der von Hohenlohern auch mit dem ebenfalls keltischen Wort „Knock“ für „Fels“ bezeichnet wird.

Und wenn sich die Jagst nahe genug an eine Flusskehre herangepirscht hat, dann sucht sich das Wasser beim Durchbruch neue Wege. So entstanden einst die Umlaufberge bei Lobenhausen, bei Mistlau und der Sophienberg bei Kirchberg. Letztlich haben auch die Städtchen Kirchberg und Langenburg ihre traumhaft schöne Lage auf einem Bergsporn einzig und allein der zeitlosen Schwerstarbeit der Jagst zu verdanken.

Quellen & Hinweise:



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